Wort zum Sonntag vom 6.12.2019

Und es waren Hirten auf dem Felde

Als vor 23 Jahren unsere Tochter geboren wurde, wollten wir als junge Familie zum ersten gemeinsamen Weihnachtsfest eine eigene Weihnachtskrippe kaufen. Es sollte nicht irgendeine Krippe sein, nein, sie sollte wertvoll sein: – Wertvoll im Sinne von einen inneren Wert haben, der zeigte, was für uns beide als Eltern „Weihnachten“ bedeutet – und dieses Wertvolle wollten wir unserem Kind mitgeben. Es sollte eine Familienkrippe werden. Nach langem Suchen wurden wir in Frankfurt auf dem Weihnachtsmarkt fündig. Handgeschnitzte Figuren, wunderschön – und gleichzeitig auch so teuer, dass wir als junge Familie nicht gleich die ganze Krippenausstattung auf einmal kaufen konnten. Also kauften wir zu diesem ersten Weihnachtsfest zu dritt: Vater Josef, Mutter Maria und das Jesuskind. Im nächsten Jahr machten wir uns wieder auf nach Frankfurt- unsere kleine Tochter schon im Buggy schiebend und Brezel kauend. Ein erster Hirte sollte es in diesem Jahr werden, Hirten, die Zeugen der Geburt Jesu. Ein Hirte, schoss es mir damals durch den Kopf, war zu diesen Zeiten einer, der sozial ganz niedrig stand, ein Unterprivilegierter, einer, dessen Gesellschaft man nicht suchte, ja mied. Und diesen Menschen verkündete der Engel die Geburt des Retters.

Wir fanden einen wunderschönen Hirten, kniend. In helles Seidenpapier sorgsam eingeschlagen, dann noch durch eine Papiertüte geschützt, verstaute ich den Hirten im Rucksack. Neben Trinkfläschchen, Notfall-Brezel für das hungrige Kind und einer Ersatzwindel.

Auf dem Weg zum Parkhaus kamen wir an einem Obdachlosen, der bettelnd in einem Hauseingang saß, vorbei. Geld wollte ich ihm nicht geben und griff in den Rucksack, um ihm die Brezeln zu geben. Stumm legte ich ihm die weiße Brezeltüte hin.

Ab nach Hause – ich packte alles aus dem Rucksack. Doch wie groß mein Entsetzen, als ich sah, dass in meinem Rucksack zwar eine weiße Papiertüte war – doch statt des erwarteten knienden Hirtens fand ich dort die Brezel vor. Ich hatte dem Obdachlosen den Hirten geschenkt – unwillentlich und im ersten Moment war ich richtig sauer auf mich. Doch dann erkannte ich den tieferen Sinn – und deshalb begleitet mich diese Geschichte immer noch: Ich schenke einem, mit dem heutzutage niemand etwas zu tun haben möchte eine Figur von einem, mit dem zu dem Jesu Zeiten niemand etwas zu tun haben wollte. Und Gott wies diesen wenig geschätzten Hirten eine besondere Rolle zu: erste Zeugen der Geburt des Herrn. Ich wünsche mir oft, dass der beschenkte Obdachlose diese handgeschnitzte Hirtenfigur behalten hat – und als Symbol gesehen hat. Besonders du bist von Gott gesehen, bist gewünscht und wertvoll. Ich werde es nie erfahren.

Marijke Muno, evangelische Kirche Hochheim