Wort zum Sonntag vom 16.08.2019

Bedeutsame Orte

„111 Orte in XY, die man gesehen haben muss“ – diese Bücher, die anregen sollen, Plätze in bestimmten Städten oder auf ausgewählten Inseln zu besuchen, stehen seit einigen Jahren nicht nur in den Bahnhofsbuchhandlungen.
Vielleicht sind ja auch Sie in den zurückliegenden Ferienwochen an Ihrem Reiseziel gerne der einen oder anderen solcher Empfehlungen gefolgt. Oder Sie haben sich schon mal leiten lassen, Neues ganz in der Nähe zu entdecken: 111 Orte in Mainz, in Frankfurt, in Heidelberg, die man …
In einer Buchhandlung fällt vor wenigen Wochen mein Blick auf einen solchen Buchrücken. Plötzlich frage ich mich, was ich wohl hineinschreiben würde, wenn daneben eine leere Kladde stehen würde mit dem Titel: „111 Orte, die Ihnen viel bedeuten …“ Und da wird’s spannend. Denn: natürlich denke ich zunächst auch an Städte, in denen es mir gut ging, als ich sie besucht habe, in denen mich ein historischer Platz in seinen Bann gezogen hat, ein Kunstwerk in einem Museum begeistert hat. Ich denke zunächst auch an Landschaften, ein Seeufer in den Bergen, eine Meeresküste. Ich denke an viel für mich Schönes, ja. Aber ich merke: das ist noch nicht die Antwort auf die Frage nach den „111 Orten, die Ihnen viel bedeuten …“ Da geht es um was anderes. Nicht nur um Schönes. Es geht um große und kleine Plätze, um Innen- und Außenräume, um bestehende und verschwundene und aufgegebene Orte.
Vielleicht erleben Sie das genauso, wenn Ihnen jetzt beim Lesen sofort Ihre Orte in den Sinn kommen, die  Ihnen viel bedeuten.
Meine Liste entwickelt sich schnell, springt von einem Jahrzehnt ins andere und streift
- einen gefrorenen Weiher zum Schlittschuhlaufen
- das Foyer der Alten Uni
- ein Zimmer im Krankenhaus
- Küche und Speicher und Garten vom Haus meiner Großeltern
- die Weide als idealen Kletterbaum
- mehrere Kirchen
- das besuchte Konzentrationslager
- eine Dampferanlegestelle an der Weser
- meinen Geburtsort mit ungezählten Winkeln und Plätzen
- die Gaststätte vieler Familienfeiern
- den Esstisch der Freundin, der zum gemeinsamen Arbeitstisch wird

Nicht 111 Orte. Aber über diese 11 hier hinaus weiß ich um viele mehr, die berührten und fürs Leben Bedeutung behielten.
Für mich sind es Orte, an denen ich meine, etwas grundsätzlich verstanden zu haben: von tragenden Beziehungen, von Schmerz, von Glück, von Dankbarkeit zu Gott, von der Ruhelosigkeit des Fragens.
Nie – bei keinem Ort, den wir aufsuchen, und bei keinem, von dem uns eingeredet wird, man müsse ihn gesehen haben – können wir vorher sagen, ob er Lebensbedeutung haben wird. Das spüren wir erst später. Was vermuten Sie: Wie ist es mit den Orten, an denen Sie in Ihrem Urlaub in diesem Jahr gewesen sind. Welche Bedeutung wird ihm bleiben?

Pfrin Christiane Monz-Gehring