Wort zum Sonntag vom 10.5.2019

Muttertags-Fragen

Vor wenigen Wochen habe ich erfahren, dass die Mutter einer Schulfreundin gestorben ist. Manchmal habe ich sie noch getroffen, als meine Freundin und ich schon längst nicht mehr in die Schule gegangen sind, Jahrzehnte später. Als die Nachricht mich erreicht, werden Erinnerungen wach an diese Mutter: welche Regeln für uns Kinder in ihrem Haushalt galten, womit sie uns bewirtet hat, wie oft ich sie habe zum Gottesdienst gehen sehen, wonach sie mich gefragt hat … Andere Mütter anderer Schulfreundinnen habe ich auch gekannt, und später haben wir erlebt, wie wir Schulfreundinnen Mütter geworden sind: so viele Weisen, Mutter zu sein.
Inmitten dieses Erinnerungskarussells lugt unerwartet eine andere Frage hervor: Wer ist mir ein mütterlicher Mensch gewesen? Das ist die Frage, die ich an diesem Wochenende mit Ihnen teilen möchte: Wer ist Ihr mütterlicher Mensch?
Dabei möchte ich mich jetzt nicht in Debatten verfangen, was jede und jeder von uns ganz genau unter „mütterlich“ versteht, welche weiblichen Rollenklischees da möglicherweise in unsere Beschreibungen eingehen ...
Vielmehr möchte ich mir beim Schreiben und Ihnen beim Lesen die Zeit einräumen, mit dem, was wir eben jeweils als mütterlich empfinden, nach unserem mütterlichen Menschen zu suchen.
Wer könnte das gewesen sein? Ist oder war Ihre eigene Mutter ein mütterlicher Mensch? Oder eher eine der Großmütter? Gibt es in Ihrem Leben eine Frau, die Sie für sich – ohne es vielleicht je laut gesagt zu haben – eine mütterliche Freundin genannt haben?
Wenn Sie jetzt begonnen haben, in Ihrer Erinnerung nach dieser Frau zu suchen: wärmt es Ihnen das Herz? Oder geschieht anderes? Vielleicht wissen Sie auch um die Sehnsucht nach einem mütterlichen Menschen. Hatten Sie das Glück neben mütterlichen auch väterliche Menschen auf Ihrem Lebensweg an Ihrer Seite zu haben?
An wen wir jetzt denken: es werden meist Frauen und Männer sein, die älter sind als wir selbst.
Wie viel ist es, was wir all unseren Älteren zu danken haben. Nicht den Eltern allein. Allen, die „ganz nah an unserer Kindheit wohnten“ (wie die Theologin Ina Praetorius sagt), die uns mütterlich oder väterlich eingeführt haben in die Welt, uns ein erstes Verständnis für die Welt um uns her geschenkt haben. Und darunter gab es auch die, die uns „das Wort ‚Gott‘ geschenkt haben“ (Ina Praetorius), die also unsere großen Kinderfragen (wo komme ich her? Wo ist der tote Opa jetzt? Wer hat die Welt gemacht?) beantwortet haben, indem sie uns mit Gott vertraut gemacht haben. Könnte sein, dass wir am Muttertag genau dafür auch unserer eigenen Mutter dankbar sind.

Pfrin. Christiane Monz-Gehring