Wort zum Sonntag vom 10.8.2018

Gott gab uns Atem, damit wir leben

Seit zwei Wochen steht auf unserer Anrichte eine Postkarte, die kurz und knackig aussagt, was ich in diesen heißen Tagen immer wieder denke: „Ich atme! Produktiver wird’s heute nicht mehr“. Schön wär’s. Der Alltag sieht anders aus. Angefangen mit dem Versorgen der Pflanzen auf dem Balkon, die bei der Hitze einiges an Wasser brauchen. Na und dann ist da der Haushalt, für den ich glücklicherweise nicht allein zuständig bin. Ich gehe zur Arbeit und stehe trauernden Menschen bei. Ich bleibe ich Kontakt mit Familie und Freunden. Und ich muss ein Wort zum Sonntag schreiben. „Ich atme, produktiver wird es heute nicht mehr“. Ich mache ein Brainstorming mit mir selbst und gebe in die Suchmaschine des Computers unterschiedliche Begriffe ein. Dabei stoße ich auf ein Kirchenlied (EG 432) von Eckart Bücken (Text) und Fritz Baltruweit (Melodie) aus dem Jahr 1982.

1. Gott gab uns Atem, damit wir leben.
Er gab uns Augen, dass wir uns sehn.
Gott hat uns diese Erde gegeben,
dass wir auf ihr die Zeit bestehn.
2. Gott gab uns Ohren, damit wir hören.
Er gab uns Worte, dass wir verstehn.
Gott will nicht diese Erde zerstören.
Er schuf sie gut, er schuf sie schön.
3. Gott gab uns Hände, damit wir handeln.
Er gab uns Füße, dass wir fest stehn.
Gott will mit uns die Erde verwandeln.
Wir können neu ins Leben gehn.

Ich höre es mir auf YouTube an, erkenne die Melodie und lasse den Text Zeile für Zeile auf mich wirken.  Ich spüre Tränen aufsteigen. Gleichzeitig fühle ich mich glücklich. Ja! Wir haben den Atem geschenkt bekommen zum Leben. Wir haben Augen bekommen, um zu sehen, was um uns herum geschieht. Wir haben Ohren bekommen, um zu hören, was um uns herum geschieht. Wir haben Hände bekommen, um zu handeln. Handeln heißt auch, nicht wegsehen, nicht weghören, da sein für mich selbst und andere. „Er gab uns Augen, dass wir uns sehn.“  Uns sehn, bedeutet für mich zu allererst Wertschätzung, Respekt, Toleranz. Erkennen, wer mein Gegenüber ist. Was hat Gott ihr oder ihm mitgegeben an Begabungen und Persönlichkeit? Allein könnte ich ja nie in der Welt, auf dieser Erde bestehen. Ansehen und gesehen werden, wir brauchen beides, um uns mit anderen verbinden zu können. Immer wieder neu und immer wieder anders. So kann ich mich stetig entwickeln und gemeinsam kann auch etwas gewandelt werden, so dass es die Erde erhält. Die Erde, die unsere Füße betreten, von der sie getragen werden. Ach, wie gut, dass ich getragen bin. Von Gott und der Erde. Ich wünsche Ihnen einen fließenden Atem, unabhängig davon, ob sie gerade produktiv sind oder die Hände im Schoß abgelegt haben.

Bianca Ferse

Ev. Kirchengemeinde